Die Chefin im Kanal

Nachhaltigkeit 5 min Lesedauer 02.11.2022
Regina Mimler steht vor einem ihrem Transporter; sie steht neben einem leicht geöffneten Kanaldeckel, vor dem ein "Vorsicht Kanalarbeiten"-Schild platziert ist

Wer Leidenschaft für seinen Beruf hat, kann oft auch im Privaten nicht ganz abschalten. Die Deutschlehrerin muss jeden Text auf Fehler prüfen. Der Taxifahrer weist auch als Beifahrer immer auf Abkürzungen hin. Und Regina Mimler macht erstmal die Geruchskontrolle im Badezimmer, wenn sie in einem Hotel übernachtet.

„Ich will halt wissen, ob mit der Kanalisation alles in Ordnung ist“, sagt sie. Und als Gründerin einer Firma für Kanalreinigungen und -inspektionen hat sie dafür eben ein Näschen.

Dabei ist sie eher zufällig in die Branche gekommen, war eigentlich gelernte Informationselektronikerin. Aber neben dem Job reparierte sie damals regelmäßig die Rohrkamera eines Bekannten, der die Kanalisation von Gemeinden und Kommunen abgenommen hat. Als dem bei einem seiner Aufträge mal der zweite Mann ausfiel, ist Regina Mimler kurzfristig eingesprungen. Das gefiel ihr, sie machte es gut – und sich dann irgendwann selbstständig.

„Bist du verrückt?“

Moment: „zufällig“? An Zufälle glaubt sie ja gar nicht. Schon ihr Vater arbeitete sein Leben lang auf dem Bau, als Polier. Und wollte eigentlich nie, dass seine Kinder mal irgendwas mit dem Bau zu tun haben würden. Als Regina Mimler ihm erzählte, dass sie ihren sicheren Job bei Siemens verlassen und sich selbstständig machen will, um auf Baustellen die Kanäle zu inspizieren, sagte der: Bist du verrückt? Abbringen ließ sie sich davon natürlich nicht.

Regina Mimler macht ein "Selfie" mit einer Rohrkamera
Mit dem Reparieren von Rohrkameras fing vor über 30 Jahren alles an – damals waren die Aufnahmen noch analog und schwarz-weiß. Heute ist natürlich alles digital und in Farbe. Da ist auch mal ein schnelles Selfie drin.

Das war vor 30 Jahren. Heute hat sie 17 Beschäftigte und inspiziert Kanäle nicht mehr nur, sondern reinigt und repariert sie auch. „Wir befassen uns täglich mit den Ausscheidungen anderer Leute“, erklärt sie ganz nüchtern ihren Beruf. Was dahinter steckt, ist aber von hoher Bedeutung – für Mensch und Umwelt. Zwar haben grundsätzlich alle Grundstücksbesitzer/-innen die Pflicht der Eigenüberwachung. Aber wenn es im Kanal klemmt, sorgt die KDS R. Reiner GmbH dafür, dass das Abwasser dorthin gelangt, wo es hingehört, nämlich in die Kläranlage. KDS steht für „Kanal Dienste und Service“. Und Reiner? Ist Regina Mimlers Mädchenname.

Das ist ja schon so etwas, das bei einem männlichen Firmeninhaber praktisch ausgeschlossen ist: dass sich der eigene Nachname durch Heirat ändert und dann das Unternehmen anders heißt als man selbst.

Auf Baustellen fühlt sie sich wohl

Was bei einem männlichen Inhaber ebenfalls ausgeschlossen ist: dass man zu einem Kunden kommt und der ungläubig fragt, ob man wirklich der Chef ist. Aber wenn Regina Mimler das passiert, steht sie da drüber. Und berät den Kunden derart kompetent, dass jeder Zweifel und jedes Vorurteil ausgeräumt ist.

Davon, dass das Inhaberin-sein – und dann noch in dieser Branche – schwierig sein könnte, will sie trotzdem nichts wissen. „Ich habe mich immer sehr wohl damit gefühlt, als Frau in einer Männerdomäne zu arbeiten“, sagt sie. Auf Baustellen herrsche ja oft ein raues Klima, aber das habe sie nie gestört, im Gegenteil. „Die sind dort so geradeheraus, so ehrlich. Damit komme ich sehr gut zurecht.“

Regina Mimler steht an einem Tisch, auf dem ein Bauplan liegt, zeigt auf den Plan und erklärt etwas
Bei älteren Gewerbeimmobilien gibt es oft keine Pläne mehr vom Kanalsystem. Dann macht Regina Mimlers Team die Grundlagenermittlung. „Das ist ein bisschen mein Steckenpferd, diese Such- und Detektivarbeit.“

Klar bricht sie auch mal Erwartungen. „Meine Mitarbeiter sagen manchmal zu mir: Du musst mal auf den Tisch hauen. Aber das bin ich nicht. Ich haue nicht auf den Tisch, sondern wir haben ein konstruktives Gespräch und einigen uns auf einen Weg.“

Ihre Monteure sind durch die Bank Männer. „Ich fordere viel von meinen Jungs“, sagt sie. Dabei hilft dann, dass sie all das selbst schon mal gemacht hat, was sie von ihren „Jungs“ erwartet. Die wissen: Unsere Chefin hat die schweren Maschinen alle schon selbst in den dritten Stock oder in den Keller geschleppt. Ihr ist bewusst, was wir jeden Tag leisten.

Und das scheint sich herumzusprechen: Fachkräftemangel? Kennt sie nicht. Jede Stelle, die sie ausschreibt, ist binnen kürzester Zeit besetzt.

Nicht ganz so schnell funktionieren derzeit Lieferungen. Bestellungen von sogenannten Sanierungspackern dauern länger als üblich. Das sind Gummischläuche, mit deren Hilfe Rohre von innen abgedichtet werden. Lieferschwierigkeiten kann Regina Mimler aber gut auffangen: „Wir haben jedes Sanierungsteam mit Sanierungspackern in allen Größen plus Ersatz ausgestattet. Und weil das je Team bis zu 35.000 Euro kostet und das auf die Liquidität drückt, haben wir diese Anschaffung mit einem ING Firmenkredit vorfinanziert.“

„Das fand ich toll, dass mir die ING so vertraut“

Warum ING? „Das war einzigartig, so schnell und unproblematisch. Eine andere Bank hätte erstmal gefragt: Wie sollen wir die Sanierungspacker denn einwerten? Das ist bei der ING nicht nötig. Das fand ich toll, dass die mir so vertrauen.“ Wichtig auch: dass der Kredit vorzeitig getilgt werden kann. „Ich will einfach nicht ewig den Kredit zurückzahlen müssen“, sagt sie.

Nahaufnahme von Regina Mimler, im Hintergrund viele Werkzeuge in Regalen
Ihr Vater sagte: Bleib doch in deinem sicheren Job in der Industrie. Würde sie das auch ihren Kindern empfehlen? „Nein. Ich weiß ja, wie viel Spaß es macht, etwas Eigenes aufzubauen.“

Mit voller Ausstattung ist Regina Mimlers Team dann auch für alle Schwierigkeiten gewappnet, die bei ihren Kundinnen und Kunden auftauchen können. „Wir wissen ja nie, was uns erwartet“, sagt sie. In der Kneipe hat vielleicht ein Gast ein T-Shirt ins Klo geworfen und damit die Rohre verstopft (das passiert tatsächlich). Oder unter einem Einfamilienhaus wachsen Wurzeln durch die beschädigte Kanalisation. Oder bei einem Industriebetrieb läuft Säure in den Kanal und keiner weiß, wo man es stoppen kann.

Aber egal, was sie erwartet, ihre Arbeit dient eigentlich immer einem Ziel: zu verhindern, dass Abwasser ins Grundwasser gerät. „Das ist unser Ansporn, das ist unser Hauptanliegen“, sagt Regina Mimler.

 

Fotos: Chris Marxen

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