Kosten für Spezial-Lebensmittel

Weniger essen (dürfen) – mehr bezahlen | 13.07.2017

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Wer unter einer Nahrungsmittelunverträglichkeit leidet, zahlt beim Einkauf drauf. Finanzielle Unterstützung gibt es nicht. Doch wer die Tricks der Lebensmittelindustrie kennt, kann im Supermarkt bares Geld sparen.

Ein Glas Milch, eine Schale Erdbeeren, ein Mischbrot: Was für viele auf den täglichen Speiseplan gehört, ist für Menschen mit einer Unverträglichkeit eine Auflistung von Bauchschmerz-Verursachern. Aber nicht nur der Bauch, auch das Portemonnaie wird stark belastet. Das beweist ein Spaziergang durch die Supermarktgänge: Wer Gluten, Laktose oder Fruktose nicht verträgt, hat nicht nur eine kleinere Auswahl, er zahlt auch drauf. Denn um Bauchweh, Blähungen und Durchfall vorzubeugen, landen meist Spezial-Nahrungsmittel im Einkaufswagen, die glutenfrei oder lactosearm oder „ohne Fructose“ sind. Und die sind teuer. Für den Handel sei das ein gutes Geschäft, erklärt Ernährungswissenschaftler Uwe Knop an einem alltäglichen Beispiel: „Glutenfreie Nudeln kosten 1,55 Euro, normale 49 Cent.

Wer erstattet die Kosten?

Die muss der Betroffene selbst tragen. Die Krankenkassen kommen nicht für die spezielle Ernährung auf. Sie erstatten allerdings die Tests, die eine Allergie oder Unverträglichkeit nachweisen sowie Therapiemaßnahmen. Florian Lanz vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erklärt: „Lebensmittel werden von der GKV grundsätzlich nicht bezahlt; auch dann nicht, wenn es sich beispielsweise um glutenfreies Brot handelt. Hier gilt der Grundsatz, dass die Ernährung nicht Aufgabe der GKV ist.“ Diese Art von Mehrkosten können auch nicht in der Steuererklärung geltend gemacht werden, entschied der Bundesfinanzhof bereits im Jahr 2015.

Dabei wächst die Gruppe der Menschen, die nicht alles essen dürfen. Unter echten Lebensmittel-Allergien leiden derzeit zwei bis drei Prozent der Erwachsenen. Unverträglichkeiten aber, die Magen- und Darmbeschwerden verursachen, werden häufiger: Etwa ein Fünftel der Deutschen leidet unter Laktoseintoleranz – eine Unverträglichkeit konventioneller Milchprodukte. Zwischen 15 und 25 Prozent haben eine Fruktose-Intoleranz, ihr Magen toleriert nur geringe Mengen Fruchtzucker. Der Bauch rebelliert ebenfalls bei Menschen, die unter Zöliakie leiden, also kein Gluten (Klebereiweiß in Getreide) essen dürfen. Laut der Deutschen Zöliakie Gesellschaft e.V. liegt die Häufigkeit etwa bei 1:100.

Wie kann gespart werden?

Indem man beim Lebensmitteleinkauf ganz genau hinschaut. Ein Einkauf muss nicht viel teurer sein, errechnete die Verbraucherzentrale Hamburg, sofern Betroffene gezielt nach Lebensmitteln Ausschau halten, die von Natur aus frei von Gluten oder Laktose sind. Die Herausforderung ist, diese ausfindig zu machen: Im Supermarkt drängeln sich immer mehr Produkte, die mit „Glutenfrei“ oder „Laktosefrei“ werben, obwohl sie sich von den Original-Produkten (in denen diese Stoffe auch nicht enthalten sind) nicht unterscheiden. Dabei ist diese Aussage oft Etiketten-Schwindel – ein Marketingtrick, um Profit zu machen.

Ein Beispiel aus dem Test der Verbraucherschützer: Aufschnitt wie Kochschinken und Putenbrust enthält natürlicherweise keine Laktose. Steht es aber – unnötigerweise – explizit auf der Packung, ist die Wurst im Durchschnitt 95 Prozent teurer. Auch die Preise für laktosefreien Käse sind bis zu 122 Prozent höher. Dabei sind Emmentaler, Gouda, Tilsiter und Butterkäse von Natur aus streng laktosearm und können normalerweise bedenkenlos verzehrt werden. Auch Brot enthält keine Laktose. Steht jedoch „laktosefrei“ auf dem Etikett, müssen Kunden mit bis zu 380 Prozent Aufschlag rechnen.

Warum zahlen immer mehr „Gesunde“ diese Wucherpreise?

Gezielt auf Lebensmittel zu verzichten kommt in Mode. Zum Leidwesen von echten Betroffenen. Neben den diagnostizierten Unverträglichkeiten steige leider auch die Tendenz, Ernährung zu problematisieren, erklärt Jana Rückert-John, Professorin für „Soziologie des Essens“ an der Hochschule Fulda. Für sie hat der Trend soziale Effekte: „Man findet damit Anschluss und Verbündete.“ Ernährungswissenschaftler Knop geht noch einen Schritt weiter. Der Experte vermutet eine ähnliche „Ich-Inszenierung“ wie sie Wissenschaftler bereits beim Veganer-Hype beobachteten: Verzicht und Abgrenzung, um interessant zu bleiben. Sein Fazit: „Die echten Betroffenen leiden darunter, dass viele ihr Problem nicht mehr ernst nehmen. Das ist wie eine Desensibilisierung der Gesellschaft.“

Autor: ING-DiBa


Ihre Meinung

Kommentare (6)


Kommentare

Franz

27.07.2017

Na ja, zu dem ganzen Thema gäbe es viel zu sagen:
1) es muss eigentlich schon viel verkehrt laufen, dass Fleisch oft billiger ist als Gemüse. Durch die Massentierhaltung (Tierquälerei) und die EU Subvention werden die Preise für Fleisch künstlich tief gehalten. Der Fleischverbrauch ist *viel* zu hoch
2) Zucker wird viel zu viel verwendet, er ist beinahe überall drin. Die Leute sollen an den übersüssen Geschmack gewöhnt werden.
3) Auf Gesundheit wird in den Supermärkten kaum geachtet. 80% der Fertigprodukte sind gesundheitlicher Schrott.
4) Es ist nicht einzusehen, warum in vielen Produkten, auch Süssigkeiten, oft Alkohol beigemischt wird. Sollen die Kinder schon auf Alkohol möglichst früh vorbereitet werden? Warum gibt es keine deutlichen Warnhinweise "enthält Alkohol" (oder eher Ethanol zum verschleiern).
5) für Vegetarier (wie mich) ist die Produktpalette immer noch zu klein (auch für Industriezuckerfreie Naschereien).
6) "Bio" wird inflationär verwendet. Viel Bio ist gar nicht richtig bio, und das "Bio" wird als Präfix angehängt, um gleich 50% und mehr höherere Preise zu rechtfertigen.
7) Der Anteil an Alkoholangeboten sind im Verhältnis zu anderen Waren proportional viel zu hoch. Die Alkohollobby ist zu stark und wird von Politikern (und der Lobby) überhaupt nicht eingebremst.
8) etwas OT. Ärgerlich ist, wenn wie zb bei Hofer immer nur ein Minimum an Kassen offen hat. Ich kaufe oft nur drei oder vier Sachen, warum soll ich mich da immer bei einer Schlange hinten anstellen. In den USA gibt es Schnellkassen für Leute, die weniger als fünf Produkte einkaufen. Aber von den US Bashern hört man immer nur, wie gut es bei uns ist, und bla bla vieles schlecht in den USA. Die meisten von diesen Schlechtmachern waren ja noch nie drüben, aber gleich alles wissen wollen (nachplappern von anderen und von Medien).


ICH

22.07.2017

Fakten:
Ernährung ist ein hoch spezielles Thema geworden:
1. Qualität: Immer neuere chemisch erweiterte Lebensmittel lösen tatsächlich immer mehr Erkrankungen aus. Schadstoffgrenzen werden seit Jahren immer weiter hoch gesetzt (Trinkwasser, der Apfel, der nicht mehr braun wird, sekundäre Pflanzenstoffe, Genetik, chemisch gestreckter Fisch, etc. ... .. .) Für mich hat das nicht viel mit Hype zu tun, da es hier viele wissenschaftliche unabhängige Studien zu gibt - allerdings eben mit geringerer Zahl an Teilnehmern - als Studien die von Pharma- oder Lebensmittelindustrie subventioniert werden. Viele Menschen merken, dass etwas nicht stimmt - immer mehr Kinder und Jugendliche sind betroffen, so dass der Hype durchaus eine Berechtigung findet. Hier wäre auch die Zwangsjodierung zu erwähnen. (Mittlerweile gibt es viel weniger Schilddrüsenkröpfe - aber immer mehr Hashimoto)
2. Vegetarisch, vegan und Co. --> ist mir persönlich egal und sehe ich auch als Hype. Fakt ist aber, dass die Qualitätsunterschiede enorm sind. Mineralöl in Olivenölprodukte oft genug in Tests gefunden sehr hohes Gesundheitsrisiko. Antibiotikareste, schädliche Eiweiße und giftige Enzyme oder Fette in Fleischprodukten - klar findet ein Umdenken in der Bevölkerung statt.
3. Allergien und Autoimmunerkrankungen gelten als Modeerscheinung. Ebenso synthetische Nahrungsergänzungmittel. Ich arbeite im Gesundheitswesen und die betroffenen Patienten (und die Zahlen steigen leider) sind entweder alle psychosomatisch oder haben echte Beschwerden. Ich gehe von Letzterem aus und die Beschwerden beeinträchtigen die Lebensqualität enorm. Eine Schauspielerei sehe ich hier nicht. 10Mil. Diabetiker, 8Mil. Schilddrüsenkranke, 20Mil. Allergiker, etc. ... .. . eine große chron. kranke Bevölkerung ist mit Sicherheit nicht der Normalzustand eines Volkes. Eine Zunahme dieser Erkrankungen ist deutlich zu verzeichnen. Sicherlich spielen, wie auch beim Krebs, Ernährung und Umweltfaktoren eine erhöhte Rolle. Hier wären gerade synthetische Stoffe zu nennen, die natürlichen Stoffen ähneln und möglicherweise dazu führt, dass unser Immunsystem entgleist. Natürlich aber auch eine immer bessere Frühdiagnostik und alternde Bevölkerung.
4. Der Artikel zeigt aber schön auf, dass Vieles Marketing Schwindel ist. Hier stimme ich voll und ganz zu. Qualitätsmarke oder eben nicht, macht kaum einen Unterschied in der chemischen Zusammensetzung. Es ist ein gesellschaftliches Problem, denn generell geht es immer um ökonomische Ziele- nicht um den Menschen. Die chronisch Erkrankten sind abhängig und dadurch wird Profit generiert. Ob aber Produkte genauso gesund oder weniger gesund wie nicht deklarierte Produkte sind, kann nicht pauschalisiert werden. Viele Nebenstoffe und deren Wirkung werden ja sowieso in der Etikettierung verschleiert, z.B. Hefen (wofür das alles stehen kann)
Ich finde, das Ernährung und Medikamente/ Gesundheit außen vor sein müßten, d.h. hier müsste dafür Sorge getragen werden, dass nur eingeschränkt Profit generiert werden darf. Eine Gewinngrenze- alles darüber hinaus, müsste das Unternehmen in kostspielige Umwelterhaltungsprojekte investieren ohne Besitzanrechte. Denn gerade BigData, Pharma und Lebensmittel sind die größten Wachstumsmärkte und die handeln mit der menschlichen Existenz eines Individums.
5. Bioprodukte: Hier gelten enorme Vorschriften. Außerdem kann nur 50- 70% der produzierten Produkte verwendet werden (wenn echt BIO). Diese Flächen stehen gar nicht zur Verfügung, um die gesamte Bevölkerung zu ernähren. Auch hier ist genau abzuwägen, was ist eigentlich drin im Produkt.
6. Würden wir zu BIO zurückgehen, hätten wir vermehrt mit anderen Erkrankungen und Parasiten zu kämpfen. Meiner persönlichen Meinung ist das aber besser als die ganzen neu modischen Massenerkrankungen.
7. Gesetzgebung: Größtes Problem ist allerdings die Gesetzgebung. Ein Naturprodukt ist ja häufig keines mehr. Hochgezüchtete, resistente Pflanzen, denen bestimmte Stoffe entzogen werden, haben mit Sicherheit nicht mehr den Ernährungswert, der für den Stoff mal erhoben wurde (Tomate ist nicht gleich Tomate auch wenn sie so aussieht). Das ist das eigentliche Problem. Auch der Patenthandel in diesem Sektor ist zu beachten - so ist es kaum möglich noch eine echte natürliche Sorte mit der natürlichen Stoffvielfalt zu bekommen.
Fazit: Im Bereich Lebensmittel kann immer gespart werden. Natürlich hat der Allergiker auch Möglichkeiten günstiger einzukaufen - gerade in Bezug auf die Deklaration. Dennoch bedeutet das nicht automatisch, dass der Artikel unbedingt gesündere Stoffe enthält. Eine wirkliche Verbesserung wäre es industrielle Produkte zu reduzieren, BIO Bauern vor Ort zu unterstützen oder selbst anzubauen und dabei ursprüngliche Arten zu erhalten. Aber Vorsicht: Hier gibt es diverse Auflagen, denn man darf (Gesetze) gar nicht alles anbauen und in Umlauf bringen, was man gerne möchte. Die Lobby der Samenhersteller war hier viel schneller. Und außerdem kostet es Zeit, die viele von uns gar nicht haben. Vor Allem aber gibt es um dieses Thema schon seit Jahrzehnten heiße Diskussionen. Ich persönlich würde eher am Auto, am Haus, an Technik (die mich eh überwachen und mit meinen Daten Geld verdienen) als an der Ernährung sparen. Aber Wild aus nördlichen Regionen ist entsprechend teuer und geschmacklich nicht so lecker wie das Industriefleisch, und BIO vom echten BIOBauern (Nachweis über eingesetzte Düngeverfahren oder Futtermittel) hat auch seinen Preis und man muss aufs Land zum Einkaufen fahren. Tiere im freien Lebensraum (Schweine sind ja seit der Schweinepest kaum noch draußen zu finden, wie es in meiner Kindheit noch der Fall gab), die man dann verspeisen kann ist eine echte Herausforderung. Am Schlimmsten ist es aber, dass unsere Kinder lernen, dass das Essen aus der Tüte kommt; dass wir sie voll stopfen mit Zucker, schlechten Fetten synthetischen Kram und billig muss es sein, weil ein anderes Konsumgut wichtiger ist. Am Ende wundern wir uns über eine Erkrankung - hoffen auf die Schulmedizin mit Ihren Mittelchen und wenn das versagt, greifen wir zu "Heilern" oder ändern unsere Ernährung und greifen zu industriellen Hype - Allergie frei Produkten" und wundern uns, dass es nicht besser wird. Aber wir sind hoch intelligente Wesen, die eben meinen die Natur verbessern zu können und die Hälfte von uns wird ja auch nicht chron. krank und kommt gut durchs Leben. Der Mittelpunkt in unserem Leben ist und bleibt nunmal das Geld und davon haben die Meisten immer zu wenig.


Raphael

19.07.2017

Sehr kluger und informativer Beitrag! Hoffentlich wird auf die Problematik noch öfter hingewiesen.


Janine

18.07.2017

Ich sehe das auch positiv.
Klar es ist an manchen Stellen, wie der Käse echt beschiss (da dieser ja fast nix enthält), aber als wirklich Betroffene kann ich sagen, dass man sich belesen kann.
Ein Vorteil hat der ganze Hype...was mehr nachgefragt wird, kommt aus der Nische heraus und ich habe mehr Auswahl. Nachteil: Oft ist es schon ausverkauft, wenn ich dann mal da hin komme, wo es sowas gibt. Es gibt leider schon wieder Supermarktketten, die nehmen diese Produkte teilweise aus dem Sortiment, weil sie nicht nachgefragt werden...also mich freut die Auswahl sehr und ich kann z. B. endlich auch griechischen Joghurt genießen! Muss dafür aber meist weit fahren...und ich bin getestet, wer das einfach selbst diagnostiziert, dem glaube ich nur bedingt....


Betty

17.07.2017

Ich lebe vegan und mir kommt es keinesfalls auf abgrenzung an und schon garnicht um interessant zu bleiben. Grundsätzlich ist jeder der lesen kann und dann auch noch denken u.a. auch beim lebensmittelkauf klar im vorteil. dieverdummung durch medien in den letzten jahrzehnten war eben ein voller erfolg wie man sieht...


notting

15.07.2017

Sehr guter Artikel. Nur eine Anmerkung: Ich glaube der Preisvergleich bei den Nudeln hinkt. Da wird wohl eine Billig-Marke mit einer "Qualitätsmarke" vergleichen. Wenn man die normalen Nudeln der "Qualitätsmarke" mit den glutenfreien der selben Marke vergleichen würde, käme da sicher ein viel geringerer Unterschied raus. Ja, der höhere Preis der "Qualitätsmarke" wird meist ähnl. begründet wie der Aufpreis wg. glutenfrei & Co., trotzdem finde ich es einen Äpfel-Birnen-Vergleich, normale Nudeln einer Billig-Marke mit glutenfreien einer "Qualitätsmarke" zu vergleichen.

Achja: Wer erinnert sich noch an die "Diät-Produkte" für Diabetiker & Co. (u.a. Milka-Schokolade)? Gibt's inzwischen auch nicht mehr, weil's sich als Quatsch rausgestellt hat. Warum div. als gluten-/laktosefrei beworbene Produkte Quatsch sind, steht ja im Artikel. Hoffe mal dass der Unsinn bald aufhört.

notting